„Wenn gelegentlich etwas Altmodisches wieder Mode wird, merken wir, wie bezaubernd unsere Großmütter gewesen sein müssen.“ - Sigmund Graff
   

» Wer behauptet...

Wer behauptet, Liebe ist berechenbar, der lügt.
Wer behauptet, man kann klar denken, wenn man verliebt ist, der lügt.
Wer behauptet, in der Liebe wird man nicht von seinen Gefühlen gesteuert, der lügt.
Wer behauptet, Liebe geht auch ohne Schmetterlinge im Bauch, der lügt.
Wer behauptet, Liebe macht nicht blind, der lügt.
Wer behauptet, Liebe verändert nicht, der lügt.
Wer behauptet, Liebe kann keine Entfernung überstehen, der lügt.
Wer behauptet, Liebe ist einfach, der lügt.
Wer behauptet, Liebe kann man erzwingen, der lügt.
Wer behauptet, in der Liebe gibt es keine Tränen, der lügt.
Wer behauptet, in der Liebe gibt es keine Enttäuschungen, der lügt.
Wer behauptet, Liebe ist das schönste Gefühl auf der Welt, der lügt nicht.

» Abtauchen

Sie läuft den Weg entlang. Er ist sandig und sie ist barfuß. Doch es ist egal. Diesen Moment kann ihr keiner nehmen. Sie schaut aufs Feld. Ihr Kleid flattert im Wind. Es ist rosé und leicht. Sie spürt den Wind an ihren Beinen. So als würde sie gleich davon fliegen. Wie sehr würde sie sich das jetzt wünschen. Weg.
Sie schaut aufs Feld. Hinten sieht sie die grauen, dicken Regenwolken und lächelt. Sie wartet darauf, dass es regnet. Sie wartet, um im Regen fahren zu können. Die Regentropfen zu spüren. Sie zu fühlen.
Es beginnt immer leicht. Das ist der schönste Moment. Die Vorfreude auf das Gewitter. Sie packt ihre Tasche weg und fährt los. Es ist ein altes, rostiges Fahrrad. Es quietscht und ist klapprig. Und trotzdem liebt sie es. Es hat etwas, was andere nicht besitzen. Erinnerungen.
Langsam fährt sie los. Den sandigen Weg. Der Regen wird immer stärker. Sie spürt die Regentropfen auf ihrer Haut. Sie sind nicht hart. Im Gegenteil. Weich und sanft fühlen sie sich an. Sie hält an und streckt ihre Hände aus. Als wollte sie alle Regentropfen dieser Welt berühren. Keinen versäumen. Keinen verpassen. Keinen.
Ihre Kleidung wird immer nasser, doch sie fährt weiter. Ihr Kleid klebt an ihrer Haut. Ihre Haare sind nass. Ihr Fahrrad ist nass. Ihre Füße, ihre Hände. Alles. Doch es macht ihr nichts aus. Die Regentropfen sammeln sich an ihrer Nase. Doch sie wischt sie nicht weg.
Es kommt ihr so vor, als könnte sie alle Sorgen wegspülen. Alle bösen Gedanken. Alles, was ihr nicht gefällt, was sie verletzt. Alles, woran sie sonst ständig denkt. All die Sorgen und Probleme. Mit einem Mal weg. Es ist ein schönes Gefühl. Ein Gefühl von Freiheit und purer Zufriedenheit.
Der Weg nimmt jedoch schon bald sein Ende. Sie fährt durch Pfützen und Schlamm. Je dreckiger sie wird, desto besser. Nicht schön und adrett. Einfach das Gegenteil von dem sein, was alle von ihr verlangen.
Sie muss lächeln. Aus dem Lächeln wird ein Kichern und aus dem Kichern wird ein Lachen. Ein herzliches Lachen. Es soll die ganze Welt hören. Sie soll hören, dass sie glücklich ist. So unglaublich glücklich. Alle Sorgen sind abgewaschen.
Sie ist vollkommen nass. Doch der Regen ist warm. Kein Wind und kein Gewitter. Einfach warmer Regen.
Sie steigt von ihrem Fahrrad. Gleich kommt alles wieder zurück. Alles, wovor sie ein paar Minuten fliehen konnte. Alles, was sie nicht will und dennoch muss. Alles. Doch sie lässt sich nicht von den schlechten Gedanken einnehmen. Sie stellt ihr Fahrrad ab und fängt an zu tanzen. Sich zu drehen und zu lachen. Es klingt wie wunderschönes Kinderlachen. Dabei war sie schon lange kein Kind mehr. Doch bleiben wir nicht eigentlich immer Kinder? Tief in uns kann man uns nicht zu 100 % zu einem Erwachsenen machen. Ein Teil von uns, seien es Erinnerungen, Verhaltensweisen oder Gesten, lassen das Kind in uns Leben. Das Kind, das niemals Erwachsen werden will. Das niemals ernst und anständig sein möchte. Das Kind, das einfach Kind ist. Egal was andere aus diesem Menschen machen wollen.
Der Regen wird schwächer. Sie will jedoch noch die letzten Regentropfen ausnutzen, bis sie wieder ins Haus muss. Sie will noch die letzten Sekunden allem entfliehen, was sie in diesem Haus erwartet. Sie setzt sich hin und wartet, bis es aufhört zu regnen und die Sorgen wieder beginnen.

» Kinder

Überall Blumen. Man könnte es schon als Blumenmeer bezeichnen. Schon verrückt. Immer habe ich von so einer Wiese geträumt. Und jetzt liegen wir hier. Das Gras ist weich und die Schmetterlinge schön. Wenn man in den Himmel sah, konnte man in den Wolken Tiere erkennen. Ich kam mir so kindisch vor. Doch es fühlte sich gut an. So unbeschwert. Ich drehe mich zu dir. Du hast deine Augen geschlossen und lässt dich von der Sonne bescheinen. Schon verrückt. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit dir hier nochmal liegen würde. Ich schaue wieder in den Himmel. Die Tiere sind nicht mehr zu sehen. Sie sind weiter gezogen. Das gleiche was ich auch tun sollte. Doch ich will nicht raus aus diesen Gedanken, die es sich grade in meinem Kopf gemütlich gemacht haben. Diese kindlichen Gedanken, die vor sich her kichern.
Ich springe auf und zieh dich hinterher. Ich muss lachen, weil dein Gesicht so lustig aussieht. So verschlafen und verträumt. Du bist nicht sauer. Im Gegenteil. Du lachst mit. Ich renne los. Du hinterher. Mit jedem Schritt fühle ich mich jünger. Und das Gekicher in meinem Kopf wird immer lauter. Die Sonne strahlt uns an. Weit und breit kein Baum. Erst wieder hinten. Sehr weit hinten am Horizont. Wir rennen auf ihn zu. Als könnten wir ihn irgendwann berühren. Wie sich das wohl anfühlen mag?
Wir kommen an eine Mauer. Doch sie ist kein Hindernis. Wir klettern hoch und stehen drauf. Ich machte mir mein weißes Kleid dabei schmutzig, doch das ist mir egal. Dieser Moment ist nicht mit 100 weißen Kleidern zu bezahlen. Und wir springen. Und mit diesem Sprung werden wir vollständig wieder zu Kindern. Ich merke, wie meine Kleidung immer größer wird und mir meine Schuhe nicht mehr passen. Ich ziehe sie aus und renne. Du machst das gleiche. Wer braucht schon Schuhe, wenn man ein Kind sein kann? Wer braucht schon Kleidung, wenn man jung sein kann? Wir geben uns wieder die Hand, doch wir rennen weiter. Es ist fast wie schweben. Der Boden und die Steine tun auf den Sohlen überhaupt nicht weh. Und wir rennen. Wohin ist egal. Hauptsache zum Horizont. Was uns da wohl erwartet? Wann wir dort ankommen. Ich fühle mich so frei. So unbeschwert. So glücklich. Was für ein Gefühl. Ich würde mit keinem Menschen auf der Welt in diesem Moment tauschen. Und wir lachen. Wir lachen wie Kinder. Fröhliches Kinderlachen. Doch es hört sich so an, als würden noch viel mehr Menschen lachen. Nicht nur zwei. Mindestens zweihundert. Doch ich sehe niemanden. Die Blumen und Schmetterlinge ziehen an mir vorbei. Ich sehe nur noch bunte Farben. Die Umrisse sind schon lange nicht mehr zu erkennen. Wir rennen immer noch Hand in Hand.
Doch auf einmal bleibst du stehen und ziehst mich mit. Ich will aber gar nicht stehen. Du schaust starr nach vorn. Ich schau in die gleiche Richtung, kann aber nichts erkennen. Du lässt mich los. Drehst dich um und gehst. Und lässt mich stehen, in meiner kindlichen Fantasie. Ich leg mich wieder ins Gras. Die Wolken ziehen an mir vorbei. Alles so friedlich. Ich will hier gar nicht weg. Doch ich muss. Also schau auf meine Uhr und sehe: Es ist Zeit, um erwachsen zu werden.

» Unecht

Wir liefen die Straße hinunter. Es war sehr dunkel, da die Straßenlaternen alle eingeschlagen waren. Er nahm meine Hand, damit ich mich nicht fürchtete. Er wusste, wie sehr mir die Dunkelheit Angst macht. Das einzige Licht, dass auf die Straße viel, kam aus einem Wohnzimmer, wo der Fernseher lief. Die Gardienen verdeckten zwar fast das ganze Fenster, doch das Licht suchte sich einen Weg durch einen kleinen Spalt. Und wir liefen weiter. Nun wurde es wieder dunkel. Ich drückte seine Hand fester. Er spürte meine Angst und nahm mich in den Arm. Ich sah ihn an. Ich musste hoch sehen. Er war so viel größer als ich. Doch das brachte mir einen Gedanken von Sicherheit. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn küssen zu können. Ich hielt mich an seiner Jacke fest und wollte ihn am liebsten nie wieder loslassen. Dann liefen wir weiter. Wir kamen an einem Blumenstrauch vorbei. Ich konnte nicht erkennen, was das für ein Strauch war. Er ging auf ihn zu und zog mich sanft hinter ihm her. Der Wind ging durch mein Haar, dass meine Haare anfingen zu flattern. Mir wurde kühler und ich schmiegte mich an ihn. Er roch so gut. Nicht nach Parfum oder einem anderen künstlichen Duft. Er roch einfach nach ihm. Sein ganz eigener, persönlicher Duft. Der Duft den ich so liebte. Er streckte die Hand nach dem Blumenstrauch aus und pflückte eine Blume. Er steckte sie mir ins Haar. Dabei war er sehr vorsichtig, da ich noch meine Sonnenbrille auf dem Kopf trug. Der Tag war sonnig gewesen. Dafür war die Nacht umso dunkler. Es war so still. Noch nicht einmal die Grillen hörten wir zirpen. Dabei liebe ich dieses Geräusch so sehr. Der Wind wurde schwächer, sodass sich meine Haare nur noch leicht auf meiner Schulter hin und her bewegten. Dieses Mal nahm ich seine Hand. Es fühlte sich so gut an. Viel zu schön, um wahr zu sein. Meine Gedanken nahmen ihren Lauf. Sie gingen über unser erstes Treffen, die schlaflosen Nächste und die unzähligen Gedanken, wo ich an mir selbst zweifelte. Doch ich tauchte schnell wieder in die Realität zurück. Ich wollte keinen Augenblick mit meinen Gedanken verschwenden, wenn er in meiner Nähe war. Er küsste mich auf den Kopf. Mir kam es so vor, als würde er immer das Richtige tun. Doch ich wusste, mit dem Ende dieser Straße, würde auch unsere Zweisamkeit ein Ende nehmen. Dann würde ich ihn ein letztes Mal küssen, er würde seine Kapuze über den Kopf ziehen, sich umdrehen und gehen. Mir lief eine Träne über die Wange. Doch ich drehte mich weg, damit er es nicht sieht. Plötzlich ließ er meine Hand los. Erschrocken drehe ich mich wieder zurück, doch er war nicht mehr da. Alles war so dunkel. Es war so schwarz, dass ich nichts mehr sah. Und ich wache auf. Aufgerichtet sehe ich mich in meinem Zimmer um und auf den Wecker, der 3 Uhr morgens anzeigt. Ich liege mit meinen Anziehsachen im Bett. Die Träne auf der Wange und die Blume im Haar.

» Zwischen grau und rosa

Als sie auf die Straße trat, bemerkte sie, wie ungewohnt es war, sich mit jemandem zu treffen. Sie ging ein paar Schritte und sah sich genau um. Alles kam ihr so fremd vor. Dabei waren sie nicht weit weggezogen und alle Häuser die sie sah, kannte sie schon von früher. Trotzdem kam es ihr vor, als würde sie grade alles neu entdecken und sie merkte wie es sie glücklich machte, bloß weil sie die Häuser sah. Es war lange her, als sie das letzte Mal lächelte. Doch es fühlte sich gut an, nicht immer eine Leere in sich zu spüren. Sie kam am Park vorbei, wo Pärchen auf der Bank turtelten oder andere ihren Hund ausführten. Sie sah einen Gitarristen, der vor dem Supermarkt, mit seinem Gitarren spielen, Geld sammelte. Ein kleines Mädchen beobachtete sie, die ein Eis mit 4 Kugeln in der Hand hatte und das drohte runter zu fallen. Und sie bemerkte einen Jungen in Badehose, der anscheinend auf dem Weg zum Schwimmbad war. Es kam ihr wie eine rosa-rote Welt vor. Hier war alles schön, bunt und glücklich. Und hier konnte man nicht unglücklich sein, so sehr man es auch wollte. Hier spürte man eine Wärme in sich.
In ihrer Begeisterung für ihre Umwelt vergaß sie fast, dass sie weiter musste. Er wartete bestimmt schon ungeduldig auf sie. Dann kam sie über eine Straße und sah zwei Menschen die sich streiten. Alle Menschen um sie rum guckten auch auf diese Leute. Sie streiteten immer mehr und immer lauter. Plötzlich gab der Mann der Frau eine Backpfeife und ein anderer Mann ging dazwischen. Als wäre nichts geschehen gingen alle Leute um sie herum weiter und die Frau und der Mann gingen getrennte Wege. Da fiel ihr ein, weshalb sie früher noch nicht bemerkt hatte, dass die Welt rosa-rot ist. Weil sie es nicht ist. Es gibt viele schöne Momente im Leben, aber mindestens genauso viele traurige. Die Welt wird niemals rosa-rot sein. Sie bleibt immer ein Misch-Masch zwischen grau und rosa.

» Nur für Sie

Es war so einfach. Kurz nach links und rechts geschaut, ein Griff ins Regal und ab damit unter die Jacke. Jetzt gibt es kein zurück mehr, dachte er. Im lief der Schweiß auf der Stirn runter. Das Herz schlug so schnell wie es noch nie geschlagen hat. Er zitterte am ganzen Körper und versuchte das Zittern abzustellen. Ohne Erfolg.
Jetzt gab es kein zurück mehr. Nur noch ein paar Schritte zum Ausgang und dann hat er es geschafft. In zwischen benahm er sich wieder ganz normal. Bis auf den schnellen Herzschlag hat er alles wieder in den Griff bekommen. Jetzt bloß nicht umdrehen. Sonst könnte alles schief gehen. Bloß nicht umdrehen! Das war im Moment sein einziger Gedanke. „Halt!“ sagte eine Männerstimme und packte ihn am Arm. Jetzt fiel ihm alles wieder ein. Alles ging ihm durch den Kopf. Womit das alles angefangen hat. Wieso er das überhaupt machte. Nur wegen ihr. Sie wollte es haben. Und weil er so verliebt in sie war, hat er es getan. Bloß weil er an dem einen Tag nicht gleich nach Hause ging und dafür sie kennen lernte. Obwohl er wusste, dass er zu jung für sie ist, hätte er trotzdem alles getan, um mit ihr seine Zeit zu verbringen.
Jetzt stand sie da draußen und wartete, dass er es ihr brachte. Sie sah wunderschön aus. Sie hatte lange blonde Haare, funkelnde braune Augen und ein bezauberndes Lächeln. Doch der Mann hielt ihn immer noch fest. „Nicht so schnell! Zeig was du da unter der Jacke versteckst.“ Er versuchte sich loszureißen, doch der Mann hielt ihn so stark fest, dass er keine Chance hatte. Er gab nach, aber sprechen tat er trotzdem nicht. „Ich wiederhole nicht noch einmal meine Frage.“, sagte der Mann ungeduldig.
Er guckte auf seine Uhr. Viertel nach sechs. Sie meinte, sie wartet bis viertel nach sechs. Er sah sie an. Sie sah ihn an. Er holte es zögernd raus und der Mann nahm ihm es ab. Er hatte versagt, das wusste er. Und er hatte sie enttäuscht.
“Man Junge, was machst du bloß für Sachen?“ fragt der Mann vorwurfvoll. „Wieso müssen Jungen in deinem Alter so etwas machen?“ Er zuckte mit den Schultern, dabei wusste er ganz genau, warum er es getan hatte. Bloß wegen ihr. Bloß weil sie es haben wollte. Sonst hätte er so etwas vielleicht niemals gemacht. Sechzehn nach sechs. Sie stand immer noch da, aber er wusste, dass sie das nicht mehr lange tat. Er versuchte sich noch mal wegzureißen, obwohl er ganz genau wusste, dass es zwecklos war.
„Wie heißt du denn?“ wollte der Mann wissen. Das Adrenalin stieg ihm in den Kopf. Wenn er das wissen will, würde er auch die Polizei informieren und er würde in eine Akte vermerkt sein, das er es getan hat. Seine Mutter würde es erfahren und sein Vater. Nein, bloß nicht sein Vater. Seine Mutter kann es wissen, aber bitte nicht sein Vater. Er will sich gar nicht vorstellen, was der Vater dann mit ihm macht.
„Deinen Namen will ich wissen!“, sagte der Mann jetzt etwas lauter, so dass andere Leute die beiden schon anguckten. „Adam...“ flüsterte er leise. „Adam.“, wiederholte der Mann, als wollte er ein schweres Rätsel lösen. „Dann komm mal mit Adam.“ Er packte ihn wieder am Arm. Adam guckte nur noch kurz zum Ausgang, wo er sie grade weg gehen sah.

» Sackgasse?

Ich renne. Ich weiß nicht wohin. Ich renne einfach. Rennen ist immer gut. Egal ob man vor Problemen wegrennt, einfach nur Nachdenken will, oder eben nicht. Einfach nur des Rennes wegen. Ich renne gerne. Denn das ist meistens die einfachste Lösung, um mit einer Situation fertig zu werden. Auch wenn es nicht immer die Beste ist. Aber ich bin nun mal ein Feigling und renne gerne davon. Wahrscheinlich renne ich jetzt im Moment, um mich nicht den Konsequenzen stellen zu müssen. Vielleicht hat es auch etwas mit den zwei muskulösen Typen zu tun, die hinter mir her sind, um mit meinen Gliedmaßen Ping-Pong zu spielen. Immer diese Vorurteile gegenüber den Deutschen. Kaum ist man deutsch, ist man auch automatisch ein Nazi. Wenn ich vielleicht Pole oder Engländer wäre, müsste ich jetzt keine Bedenken um meine Körperteile haben. Möglicherweise hat es auch einfach mit dem Fakt zu tun, dass ich kein Grieche bin, so wie sie. Kein muskulöser Grieche, der stolz auf sein Land ist.
Für sie bin ich einfach ein Deutscher, der mit Griechenland nichts verbinden kann. Dabei bin ich sehr gerne hier und verbinde auch viel mit diesem wunderschönen Land. Die Strände, das Meer, die Sprache, das - so andersschmeckende – Essen und dieses bezaubernde Mädchen, das ich vor einigen Wochen kennenlernte. Sie, mit ihren langen, schwarzen Haaren, die in der Sonne schimmern und sich elegant mit dem Wind bewegen. Sie, mit ihren braunen Augen, die so viele Geschichten erzählen können, wenn man tief hinein sieht. Sie, mit ihrer südländischen Haut, die so weich ist, wie ein seidenes Tuch. Sie, die so wunderschöne, rote, volle Lippen hat, als wären sie gemalt. Sie, mit ihrem vollkommenden, zarten Körper, mit dem sie sich so graziös bewegt, als wäre sie eine Tänzerin.
Sie schafft es, jedes Mal mir ein Lächeln aufs‘ Gesicht zu zaubern, sobald ich nur an sie denke. Doch ihre Brüder wollen nicht, dass wir zusammen sind, nur weil ich kein Grieche bin. Bloß, weil es in ihren Vorstellungen ein Grieche ist, der sie zum Altar führt. Bloß, weil sie sich in mich verliebt hat und wir ihnen damit das Idealbild zerstört haben. Und jetzt wollen sie mich einen Kopf kürzer machen, damit sie ihr Märchen noch retten können.
In diesem Augenblick wünsche ich mir, ein Grieche zu sein. Ein vollblütiger Grieche. Damit unsere Leidenschaft eine Zukunft hat. Denn wir haben nicht irgendeine Liebe. Nein, unsere ist eine verbotene Liebe. So ähnlich wie bei Romeo und Julia, bloß dass meine Eltern nichts gegen meine Geliebte einzuwenden haben. Und, dass wir nicht vorhaben uns zu töten – noch nicht.
Ich gucke kurz über meine Schulter. Sie sind immer noch hinter mir her. Die Laternen der Straßen sind schon erleuchtet und an manchen Stellen, wo der Abstand zwischen den Laternen sehr groß ist, ist es sehr finster, sodass ich aufpassen muss wohin ich trete.
Ich gewinne immer mehr Abstand zwischen den beiden „Klitschko“-Brüdern und mir. Muskelmasse ist eben nicht alles und das Lauftraining, hat sich anscheinend auch ausgezahlt. Ich biege um die Ecke und will grade nochmal alles geben, als auf einmal mich jemand in eine Gasse zerrt und leidenschaftlich küsst.
 

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